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Mittwoch, 30. November 2022
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«Mich zieht es einfach in die Tiefe!» – Bettlacher taucht 57 Meter ohne Flasche
Oliver Menge
(Foto: Zur Verfügung gestellt)


Der Bettlacher Iwan Gojnik taucht 57 Meter ohne Flasche und wird Schweizer Meister im Apnoetauchen.

Das Apnoetauchen, also das Tauchen unter Wasser, ohne eine Flasche mit Pressluft oder Helium mitzunehmen, gehört zu den Randsportarten. Mit nur einem Atemzug Luft zu holen und dann möglichst lange unter Wasser zu bleiben, möglichst weit oder tief zu tauchen, ist nicht jedermanns Sache. Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass ein Bettlacher vom Jurasüdfuss den Schweizer Meistertitel in der Disziplin Tieftauchen mit konstantem Gewicht mit Flossen gewonnen hat. Ende August erreichte Iwan Gojnik im Zürichsee mit 500 Gramm Gewicht ohne fremde Hilfe die Tiefe von 57 Metern und erreichte die Oberfläche aus eigener Kraft wieder nach knapp zwei Minuten.

Der 44-Jährige, 1,84m gross und nur gerade 68 Kilogramm schwer, hat lange für diesen Rekord trainiert. «Angefangen zu tauchen, habe ich schon als kleiner Junge mit meinem Bruder. In den Ferien in Kroatien banden wir uns mit Steinen gefüllte Plastiksäcke an den Gürtel und tauchten so nach Schwämmen, ohne auch nur die geringste Ahnung von Druckausgleich zu haben. Es tat einfach höllisch weh in den Ohren.»

Mit 16 Jahren machte Gojnik sein erstes Tauchbrevet Einstern mit Pressluftflasche und wurde zum «Ferientaucher», wie er sagt. Zum Apnoetauchen kam er 2011 – er hatte bemerkt, dass er beim Tauchen mit Flasche extrem wenig Luft verbrauchte, viel weniger als seine Tauchkollegen. Eine wichtige Voraussetzung für das Apnoetauchen, das Tauchen mit nur einem Atemzug. Also schloss er sich einem Verein in Bern an, in dem das Apnoe-Tauchen unterrichtet und trainiert wurde. Gojnik ist inzwischen selber Instruktor und trainiert zweimal wöchentlich beim Tauchclub «Sprungschicht-Gniesser», wenn es die Arbeit erlaubt.

Faszination pur

«Das Schönste für mich ist das Abtauchen: Einatmen, die Augen schliessen und dann sinken lassen.» Für andere Taucher sei das Auftauchen das Schönste, ihn habe es schon immer «in dunkle Löcher» gezogen. Auf die Frage, ob ihm unterwegs Fische begegneten, sagt er lachend: «Gesehen habe ich noch keine, denn unterhalb von etwa 25 bis 35 Metern ist es im See sowieso absolut dunkel und meist nur um die 6 °C. Also kann ich die Augen auch zu lassen.» Anders als im Roten Meer, wo Gojnik im berühmten Blue Hole bei Dahab trainiert hat – auch mit der Filmkamera. Dort lohne es sich ganz besonders, die Augen offenzulassen. «Das Faszinierende am Apnoetauchen ist für mich, dass ich meinen Körper extrem gut kennen gelernt habe.»

Sobald die Rezeptoren im Gesicht mit Wasser in Kontakt kommen, stelle der menschliche Körper um auf «Alarm, Gefahr durch Ertrinken besteht» der sogenannte Tauchreflex, erklärt Gojnik. «Das Blut wird aus den Extremitäten zurückgezogen, der Körper stellt sich ein auf die Notversorgung der lebenswichtigen Organe: Hirn, Herz, Lunge.» Der Druck nimmt alle 10 Meter um ein Bar zu, die Lunge wird bei einer Tiefe von 50 Metern auf die Grösse einer Faust zusammengepresst. Der Druck beträgt in 57 Metern Tiefe 5,69 kg pro Quadratzentimeter.

Durch Training erreicht ein Apnoetaucher, seinen Pulsschlag bis auf 20 Schläge pro Minute zu reduzieren. Dazu bringt er sich vor dem Tauchgang in eine Art Trance. Beim Abtauchen ist er stets durch eine Leine mit dem Seil verbunden, entlang dessen er nach unten taucht. Auf der Tiefe, die er vorgängig angegeben hat, entnimmt er unten die Markierung zum Beweis und schwimmt dann mit eigener Kraft wieder nach oben. Gojnik hat kürzlich von zwei langen Einzelflossen auf eine Monoflosse umgestellt, die noch etwas mehr Schub entwickle. Sein Anzug ist massgefertigt und zeichnet sich durch eine besonders glatte Oberfläche und dadurch geringen Widerstand aus.

Risiken minimieren

Gojnik ist sich der Risiken sehr bewusst. Aber er weiss sie auch zu vermeiden. Es kommt auf jedes Detail an. Auf die richtige Sicherung am Seil, die es ermöglicht, einen Taucher zu retten, sollte ein Problem auftreten. Und auf die richtige Vorbereitung und Atemtechnik. Beispielsweise muss ein Apnoetaucher die Luft für den Druckausgleich in Mund und Rachen behalten – die zusammengepresste Lunge gäbe keine Luft mehr dafür her. Diese Luft drückt der Taucher dann durch die Eustachschen Röhren ins Mittelohr, sodass die Trommelfelle nicht platzen.

«Muss er beim Abtauchen schlucken, ist die Luft weg und er muss den Tauchgang abbrechen. So erging es bei der Schweizer Meisterschaft einem Taucher, der eine noch grössere Tiefe angesagt hatte, als meine 57 Meter.» Durch spezielle Techniken können Apnoetaucher zusätzlich zu ihrem normalen Lungenvolumen noch weitere Liter Luft in sich hineinpressen, zum Beispiel mit der sogenannten Karpfentechnik.

Aber auch die äusseren Umstände müssen beachtet werden. So wurde der Wettbewerb in Zürich wegen Sturmgefahr abgebrochen und Gojniks Lieblingsdisziplin Free Immersion, bei der man sich ohne Flossen nur am Seil in die Tiefe und wieder nach oben zieht, nicht mehr durchgeführt.

Nicht zuletzt müsse man sich immer auf seine Tauchkollegen verlassen können, 100-prozentig. «Sie sind die eigentliche Lebensversicherung. Denn sie müssen den ganzen Tauchgang an der Wasseroberfläche genauestens verfolgen und auf jede kleine Unregelmässigkeit am Seil reagieren. Daraus entwickeln sich aber auch tiefe Freundschaften, die weit über das Tauchen hinausgehen.»

(Quelle: Grenchner Tagblatt, 03.10.2018)
03.10.2018 | Wyss Sophie
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